Der Wert des Running Backs

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Die Dallas Cowboys ließen den Vorjahres-Top-Rusher DeMarco Murray zum Division-Rivalen Philadelphia ziehen, die Eagles wiederrum gaben ihren langjährigen Running Back LeSean McCoy an die Buffalo Bills ab – im Tausch für einen Linebacker, der gerade von einem Kreuzbandriss zurückkommt. Die New England Patriots pflügten mit LeGarrette Blount durch die Playoffs – ein Running Back, der in Pittsburgh entlassen und de facto im November für einige Tage ohne Team war. Auf den ersten Blick kommt diese Entwicklung nicht wirklich überraschend.

Die Regeländerungen des vergangenen Jahrzehnts bevorteilen klar Quarterbacks und Wide Receiver, die schlicht individuell mehr Einfluss aufs Spiel haben können. Receiver liefern auch wesentlich mehr Plays von mindestens 20 Yards ab als Running Backs, bei denen Baltimores Justin Forsett in der vergangenen Regular Season mit 17 solcher Runs die Liga anführte. Zum Vergleich: Allein 14 Receiver hatten mindestens 17 Plays von 20 Yards oder mehr (Platz 1: Julio Jones mit 31). Runs von 20+Yards

In den 50er, 60er und 70er Jahren liefen NFL-Offenses über Running Backs. Jim Brown, Walter Payton oder Earl Campbell waren die Helden ihrer Zeit und neben den RBs waren auch die Fullbacks noch wichtige und gleichwertige Mitglieder einer Offense. Heute haben viele Teams überhaupt keinen Fullback mehr im Kader. Schon in den 80er Jahren wurden die Running Backs vereinzelt unwichtiger.

Bill Walsh und seine West Coast Offense in San Francisco vertraute so stark auf viele kurze Pässe, dass die Chancen eines Running Backs zunehmend verkleinert wurden. Das System funktionierte so gut, dass die Chance schlicht höher war, mit einem Receiver schnell und einfach einige Yards rauszuholen, als dass ein Running Back den gleichen Erfolg gehabt hätte. So verzeichnen die wenigsten Backs heute im Schnitt noch 20 Carries pro Spiel.

Über die letzten beiden Jahre hatten nur je zwei Backs mehr als 300 Carries in der kompletten Saison: Murray und McCoy 2014 und McCoy sowie Marshawn Lynch 2013. Zwei dieser drei Backs wurden von ihrem jeweiligen Team gehen gelassen. Die Problematik: Ein Running Back steckt so viele Hits ein, dass sein Körper schneller als bei nahezu jedem anderen Spieler auf dem Football-Feld streikt.

Ein jüngeres mahnendes Beispiel ist Shaun Alexander: Alexander erlief 2005 für die Seahawks 1.880 Yards bei 370 Carries. Ein Jahr später reichte es bei dem 28-Jährigen noch für 816 Yards bei 252 Carries, zwei weitere Jahre später war für ihn kein Platz mehr in der NFL. Sieht man von besonderen Backs wie Adrian Peterson, Lynch oder McCoy ab, ist der rapide Absturz mit dem Alter bei den meisten kaum zu verneinen. Dennoch bleibt die Frage: Welchen Einfluss hat ein Running Back überhaupt noch?

Die O-Line: Der beste Freund des Backs

Kaum ein Running Back kann in der heutigen NFL herausstechen, wenn er nicht zumindest über eine solide O-Line verfügt. Peterson in Minnesota und Lynch in Seattle haben über die letzten Jahre gezeigt, was ein großartiger Back mit einer (unter-)durchschnittlichen Line machen kann. Aber das trifft längst nicht auf jeden zu. Ein Blick auf die Adjusted Line Yards der Vorsaison, welche die Verantwortung der O-Line bei RB-Runs, inklusive Down, Distance, Situation, Gegner und Shotgun vs. Standard Formation misst (für ausführliche Erklärungen und eine genauere Übersicht der Begriffe empfehle ich dieses Glossar), erlaubt es, einiges herauszuarbeiten.ALY

Die New Orleans Saints rangieren hier auf dem ersten Platz mit 4,38 Punkten und ein Rückblick auf die vergangene Saison bestätigt diesen Eindruck. Mark Ingram (964 Yards und 4,3 Yards pro Versuch in 13 Spielen) verzeichnete plötzlich die beste Saison seiner bisherigen NFL-Karriere und wurde mit einem dicken Vertrag belohnt.

Die Saints haben bereits in der Vorsaison mit einem klaren Plan im Running Game das begonnen, was in der Free Agency mit dem Jimmy-Graham-Trade und der Verpflichtung von Center Max Unger, den Coach Sean Payton unbedingt wollte, seinen ersten großen Höhepunkt fand: Der langsame Wechsel hin zu einem Run-heavy Team. Quasi auf Augenhöhe sind die Dallas Cowboys.

Die aktuell beste O-Line der Liga hatte so großen Anteil an Murrays Beinahe-2.000-Yard-Saison. Es folgen Baltimore und Seattle auf den weiteren Plätzen und so erscheint es plötzlich nicht wirklich überraschend, wenn man sich die Liste der Top-Rusher sowie die Liste der RBs mit den meisten langen Runs (s.o.) anschaut. YPC

Forsett (5,2 Yards pro Carry), Jamaal Charles (5,1), Murray (4,7), Le’Veon Bell (4,7) und Eddie Lacy (4,6) rangieren allesamt in der Top-10 was Yards pro Versuch angeht – genau wie ihre jeweiligen O-Lines. Vor allem Forsett profitierte vom starken Zone-Blocking-Scheme des Ravens-OCs und neuen Broncos-Head-Coaches Gary Kubiak und hier wird eine klare Tendenz deutlich.

Der einstige Siebtrunden-Pick, der nach Jahren der Bedeutungslosigkeit in der NFL plötzlich explodierte, profitierte vom Scheme sowie von einer guten O-Line. Das Gegenbeispiel aus dem Vorjahr ist McCoy: Hinter einer O-Line, die in Adjusted Line Yards mit den Jaguars auf dem drittletzten Platz landete, verzeichnete McCoy ein Yard weniger als Forsett.

Die Eagles ließen auch die viertmeisten Stuffed Runs, bei denen der Running Back an oder hinter der Line of Scrimmage gestoppt wird, zu (21 Prozent – nur Tampa Bay, Detroit und Cleveland waren schlechter). Welchen Einfluss hat ein RB? Richtet man den Blick wieder etwas weg von der O-Line und verstärkt hin auf den Einfluss der Running Backs wird ebenfalls deutlich, warum die Eagles McCoy abgegeben haben könnten.

Die Advanced Stat „Expected Points Added“ (nochmals der Link zum ausführlichen Glossar) beschreibt den direkten Einfluss eines Spielers auf Spielzüge gemessen an u.a. Down, Distance, Field Position. Ein First Down in der gegnerischen Red Zone etwa wiegt deutlich schwerer als ein First Down in der eigenen Hälfte.EPA

Wie kein zweiter Back dominierte Pittsburghs Le’Veon Bell diese Kategorie in der Vorsaison. Einerseits hatte er 290 Carries in der Regular Season, doch vor allem darüber hinaus auch 83 Receptions für 854 Yards.  Neben Bell tauchen mit Anderson, Lynch, Charles, Forsett und Murray wieder einige bekannte Namen auf.

Doch der überraschendste Spieler hier: Shady McCoy, der in dieser Kategorie im vergangenen Jahr den ligaweit schlechtesten Wert verzeichnete (-15,0). Das schlägt sich auch in den DYAR, den Defense-adjusted Yards Above Replacement (hier werden Yards eines Backs verglichen mit einem anderen RB seines Teams, dazu fließen Spielsituation und Gegner mit in die Bewertung ein. Die genauere Definition gibt es hier), nieder.

Diese Statistik beschreibt wie kaum eine zweite den Wert eines individuellen Running Backs: Murray, Lynch, Charles, Miamis Lamar Miller und Bell stellen die Top-5, auf dem siebten und achten Rang folgen Anderson und Eddie Lacy. McCoy dagegen steht lediglich auf Rang 16 aller RBs mit mindestens 100 Carries. Eine weitere Statistik die gut den Wert eines Backs etwas unabhängiger von Blocking und Scheme beschreibt sind die Yards after Contact.

Wenig überraschend rangiert hier Lynch (2,96 Yards after First Contact), der auch die mit Abstand meisten Missed Tackles erzwungen hat (88, Zweiter war C.J. Anderson mit 44) auf dem ersten Rang. Es folgt Ahmad Bradshaw (2,86), der auch im EPA schon weit vorne war, aber die zweite Saisonhälfte verletzungsbedingt verpasste. Houstons Arian Foster (2,83), Lacy (2,82), Jeremy Hill (2,8), LeGarrette Blount (2,57) und Murray (2,53) waren hier ebenfalls stark.

Erneut kein gutes Jahr hatte hier McCoy: Seine 2,09 Yards nach erstem Kontakt waren ein persönlicher Karriere-Tiefstwert. Dabei profitierte Shady von einer Top O-Line zumindest was die kurzen Yards anging: In der Power-Success-Rate, welche prozentual die Runs festhält, die bei Third oder Fourth Down und zwei oder weniger Yards ein neues First Down oder einen Touchdown erzielen, war kein Team besser als Philly, während etwa San Francisco hier stark abstürzte.power success

Die magische 30

McCoy scheint also auf dem absteigenden Ast, was uns zum Anfang zurückbringt und daher wenig überrascht: Als einziger Spieler verzeichnete in den beiden letzten Spielzeiten über 300 Carries, 626 waren es insgesamt. Die wenigsten Running Backs schaffen es, ihr Niveau bis zur 30-Jahre-Marke aufrecht zu erhalten. Marshawn Lynch, Frank Gore und Adrian Peterson sind aktuell die großen Ausnahmen, Jamaal Charles hat die Chance dazu. Obwohl RBs heutzutage weniger Carries haben als noch in der Vergangenheit, ist das Zeitfenster ihrer Prime kürzer geworden.

Das liegt einerseits daran, dass Run-Blocking-Schemes für die Offense deutlich komplizierter geworden sind, weil Defenses mit Safeties und Linebackern deutlich variabler agieren als noch vor 20, 30 Jahren – eine mögliche Erklärung für den Erfolg von Kubiaks Zone-Blocking-Scheme, da hier die Ablenkungen und Tricks der Defense nicht so große Auswirkungen haben. Das erklärt die geringe Wertschätzung für Running Backs in der Free Agency. Das Geld ist ab einem gewissen Alter in der O-Line besser angelegt.

Was aber, wie diese Auswertung der Vorsaison gezeigt haben sollte, nicht bedeutet, dass Running Backs keinen Unterschied ausmachen können. Dennoch sollte man in einen Top-Back zumindest im Draft investieren – denn zu keinem Zeitpunkt ist der Wert eines RBs so hoch, wie wenn er (vergleichsweise) frisch aus dem College kommt. Ein Blick auf einige der Vorjahres-Top-Backs bestätigt das: Murray (3. Runde), Lynch (1. Runde), Bell (2. Runde), Lacy (2. Runde) und Hill (2. Runde) wurden allesamt am ersten oder zweiten Draft-Tag gewählt. Die großen Ausnahmen sind hierbei lediglich Foster, Anderson und Forsett.

Gerade letzter dürfte für die kommende Saison, wenn Kubiak nicht mehr in Baltimore ist, eine spannende Fallstudie bieten. Die Tatsache, dass ihn die Ravens in der Free Agency für drei Millionen Dollar pro Jahr zurückholen konnten, zeigt, dass offenbar auch in der Liga Skepsis herrscht. Auch scheint der Vertrag für Murray in Philadelphia deutlich zu hoch. Dass Chip Kelly mit Murray und Ryan Mathews zusätzlich zu Darren Sproles gleich zwei Backs geholt und McCoy im Gegenzug abgegeben hat zeigt allerdings auch, welchen Ansatz Kelly verfolgen könnte. Gleichzeitig wissen die Verantwortlichen aber, dass sie im Draft suchen müssen – Stand jetzt darf man mit mehreren Backs in den ersten drei Runden rechnen.

Adrian Franke

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Ein Gedanke zu “Der Wert des Running Backs

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