Braucht man einen Fullback noch?

Jesse_Williams_at_fullback_for_the_Alabama_Crimson_Tide

Dass NFL-Offenses, bedingt durch Regeländerungen und die Entwicklung des Spiels, über die letzten zehn Jahre deutlich Pass-lastiger geworden sind, ist längst kein Geheimnis mehr. Vier- und sogar Fünf-Receiver-Sets sind schon seit langem ein häufiges Bild, auch Tight Ends erfreuen sich dank Rob Gronkowski und Jimmy Graham immer größerer Beliebtheit – selbst wenn sie, wie Graham oder auch Julius Thomas, nicht gerade begnadete Blocker sind.

Da trotzdem beide Teams jeweils immer nur elf Spieler auf dem Platz haben dürfen, muss es logischerweise Opfer geben – und das sind unter anderem die Fullbacks. Die Tage, als Fullbacks wie Larry Csonka, Steve van Buren oder Marion Motley die Stars der Liga und Dreh- und Angelpunkt von Offenses waren, sind längst vorbei.

Vielmehr befürchten nicht wenige mittlerweile, dass die Position komplett vom Aussterben bedroht ist. Nach der Sezierung der Running-Back-Position stehen daher heute die Fullbacks im Fokus.Marcel_ReeceRaiders-Fullback Marcel Reece

Paradebeispiel Peterson

Immerhin ist der zuletzt rasante Absturz der letzten Jahre doch deutlich. Die Position an sich hat zwar über Jahrzehnte langsam an Wert verloren, doch noch 2009 hatten die zehn Top-Rushing-Teams der Liga einen Fullback in ihrem Backfield.

Und auch an Adrian Petersons 2.097-Yard-Saison 2012 hatte ein Fullback entscheidenden Anteil: Jerome Felton blockte Peterson den Weg frei. Insgesamt 27 Runs von mindestens 20 Yards hatte der Superstar damals, bei 26 (!) davon hatte er FB-Hilfe.

Dabei war Minnesota durchaus kreativ: Felton und FB-Kollege Rhett Ellison waren bei Running Plays manchmal als Ablenkung, um einen Run in eine andere Richtung vorzutäuschen, auf dem Platz, übernahmen ab und zu den Nose Tackle oder waren plötzlich in der zweiten Reihe bei den Linebackern oder blitzenden Safeties zu sehen (jedem Freund von gutem Running Game sei Petersons Game Tape aus der Saison nochmal dringend ans Herz gelegt – allein das Videostudium hat die Recherche für den Blog gerechtfertigt!).

Das zog sich auch noch in die 2013er Saison, welche die Vikings mit einem 78-Yard-TD-Run von Peterson eröffneten. Ellison blockte den freien Linebacker nach kurzem Fake in die andere Richtung weg, und Peterson lief beinahe ohne berührt zu werden in die Endzone. Auch bei Petersons nächstem langen TD-Run in der Saison, ein 60-Yard-TD gegen Pittsburgh, war sein Fullback mit auf dem Platz.

Peterson Run Pittsburgh

Die Vikes machten dabei keinen Hehl aus ihrem Vorhaben. Minnesota überlud die rechte Seite und während der Right Tackle und der Tight End den Weg aufmachten, dienten der Fullback und der Receiver als Blocker in der offenen Gasse. Bei insgesamt fünf seiner acht Runs von über 20 Yards in der Saison war der FB mit auf dem Platz.

Die Baltimore Ravens, die vor einigen Jahren mit Vonta Leach einen der Top-FBs ins Feld führen konnten, nutzten einen Spielzug häufig, der wie gemacht war für den Fullback – das Lead Open Running Play:

Lead Open Running Play

Dabei hat jeder O-Line-Man einen bestimmten Gegenspieler als Blocker. Das Resultat daraus ist, dass der Fullback eine Eins-gegen-Eins-Situation mit einem Linebacker erhalten soll. Vonta ist diesem physisch überlegen und kann so große Gassen freiräumen.

Sprung in die Gegenwart

Doch nicht nur Peterson dient als gutes Beispiel für die wichtige Rolle, die ein Fullback auch heute noch einnehmen kann. Aktuellerer Bezug gefällig? Bleiben wir in Baltimore! Unter Offensive Coordinator Gary Kubiak fanden die Ravens zu ihrem starken Running Game zurück.

Kubiaks Zone-Blocking-Scheme verhalf Running Back Justin Forsett zum Liga-Spitzenwert von 17 Runs über mindestens 20 Yards. Sieben davon kamen mit Fullback-Hilfe zustande. Kubiak nutzt den Fullback als Lead Blocker, vorzugsweise gegen Linebacker, aber auch, um Runs mit angetäuschten Blocks in eine andere Richtung vorzutäuschen.

Darüber hinaus, und hier kommt ein wichtiger Aspekt ins Spiel, verlangt Kubiak von seinem Fullback Flexibilität: Kyle Juszczyk verzeichnete in der Vorsaison, neben zahlreichen Blocks, keinen einzigen Rushing-Versuch – stattdessen aber fing er 19 Pässe für 182 Yards (darunter ein 33-Yarder an der Seitenlinie) und einen Touchdown.

Ein Spielzug, den die Ravens schon vor Kubiak nutzten, ist dabei ein Bootleg-Play-Action, vor allem um schnell ein paar Yards und eine kurze Completion zu holen:

Fullback als Receiver

Der Running Back täuscht dabei einen Run durch die Mitte oder in die Richtung, aus der der Fullback herkommt, an. Doch der FB zieht hinter der O-Line zur Seite und ist dann als schnelle Pass-Option nach dem Run-Fake bereit. Fullbacks genießen gegen Manndeckung gelegentlich auch eine gewissen Narrenfreiheit, ein kurzer Pass ist so häufig gefahrlos möglich. Diese Flexibilität wird, bei allen Blocking-Fähigkeiten, entscheidend für Fullbacks sein, um ihren Kaderplatz auch weiter zu sichern. So wurde Leach, der wohl beste Run-Blocker der Liga, gehen gelassen, um mit Juszczyk eine variablere Option zu haben.

„Der Fullback muss seine Rolle im heutigen Spiel kennen“, mahnte FB Jed Collins, den sich die Dallas Cowboys in der laufenden Free Agency geschnappt haben, jüngst: „Leute bekommen viel Geld, um den Ball zu werfen, Big Plays zu machen und für Touchdowns zu sorgen. Als Fullback bist du stolz auf die kurzen Yards und darauf, eine Führung am Ende durchbringen zu können.“

Auch die San Francisco 49ers und die Seattle Seahawks, zwei der dominantesten Running-Teams der vergangenen drei Jahre, vertrauten in bestimmten Situationen auf Fullbacks. Ein bei Seattle häufiger zu beobachtender Spielzug ist in Short-Yardage-Situations folgender:

Seahawks FB

Die Hawks überladen dabei eine Seite, so dass die Defense reagieren muss. Die Line täuscht dann mit ihren Blocks einen Run (hier) nach links an. Nur der Tight End blockt in die andere Richtung, während der Receiver den Weg frei macht. Fullback und Running Back täuschen ebenfalls zuerst nach links an, ziehen dann aber beide nach rechts und so hat der Running Back idealerweise einen Receiver und den Fullback als Blocker vor sich.

Vom Aussterben bedroht? Mitnichten!

Es wird spannend sein zu sehen, was sich Kubiak für die Broncos ausdenkt. Immerhin hat er gute Erfahrungen gemacht: Bei Denvers beiden aufeinanderfolgenden Super-Bowl-Titeln verfügte Kubiak über Howard Griffith, der den Weg für Terrell Davis freiblockte. Es wäre verwunderlich, wenn die Broncos in dieser Saison ohne Fullback auskommen würden.

Auch ansonsten wird die Position bei Run-lastigen Teams nach wie vor geschätzt. Das beweist Marcel Reece in Oakland, genau wie die Verpflichtung von Collins in Dallas, der Wechsel von Ex-Peterson-Blocker Felton zu den Bills oder die Vertragsverlängerung von Henry Hynoski bei den Giants. Liebhaber der Position sollten vor allem nach Denver, Buffalo und Dallas schauen – und werden die großen Jungs ohne Zweifel im kommenden Jahr auch wieder in ihrer absoluten Team-Rolle auf dem Platz sehen.

In ihrer einstigen Rolle als hammerharter Running Back, der den Kontakt sucht und knüppelhart zwischen den Tackles läuft, wird es, abgesehen von wenigen Einzelsituationen, keinen Platz mehr für die Fullbacks geben. Ihren Kaderplatz müssen sie mit ausgezeichneten Blocking-Fähigkeiten und gleichzeitig Receiving-Skills rechtfertigen. Um die ursprüngliche Frage zu beantworten: Teams mit einem Power-Running-Style werden den Fullback weiterhin zu schätzen wissen – vom Aussterben ist die Spezies sicher nicht bedroht, und das sollte sie auch nicht sein.

Wahr ist schließlich auch, was Collins weiter ausführte: „Wenn man sich die Playoffs anschaut, haben die meisten Teams ein gutes Running Game und viele einen soliden Fullback. Super-Bowl-Teams der vergangenen Jahre hatten oft Fullbacks. Das sehen die anderen auch.“

Adrian Franke

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4 Gedanken zu “Braucht man einen Fullback noch?

  1. Klasse Artikel!
    Zu den schon von dir erwähnten würde ich noch die, mMn, besten 2FB’s der Liga erwähnen: Anthony Sherman und Bruce Miller. Auch Develin, Kuhn und Hewitt, der voriges Jahr als Rookie über 420 Snaps spielte, sind wichtige Teile ihrer O’s.
    Reece und Tolbert fallen halt auf, weil sie öfters den Ball haben, aber sie blocken dafür auch manchmal unterdurchschnittlich.

    Der letzte wirklich legendäre FB war wohl Mike „A-Train“ Alstott, genialer Typ.

    Achja, ich liebe Fullbacks! 😉

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    • Ich bin auch ein Fan, generell von gutem Running Game und Fullbacks muss man einfach mögen^^. Die langen Runs von Peterson aus der 2012er Saison sind teilweise der Hammer…Leach hab ich auch immer gerne gesehen.

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