Marcus Mariota und die Spread Offense

Marcus_Mariota_v._Colorado_2014

Eines der heißen Themen vor dem Draft ist die Frage, wie Marcus Mariota den Sprung in die NFL schafft und ob der Oregon-Quarterback seinen Stil entsprechend an die Profi-Systeme anpassen kann. Mariota kommt aus einer Spread Offense, was die Scouts vor einige Schwierigkeiten stellt. Höchste Zeit, die Spread Offense genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die Basis

Eine kleine Geschichtsstunde vorweg: Das System als solches ist keineswegs ein neues, modernes System – vielmehr schrieb Coach Dutch Meyer (TCU) schon 1952 sein Buch „Spread Formation Football“. Ins neue Jahrtausend wurde die Spiel-Philosophie dann vom heutigen Ohio-State-Coach Urban Meyer eingeführt.

Als frisch gebackener Head Coach von Bowling Green entwickelte Meyer sein „Spread-Offense“-Playbook, das bis heute für viele Spread-System-Coaches als Basis dient. Kurz zusammengefasst sind mehrere Stichwörter hier entscheidend.

Das System ist Shotgun-fokussiert, will die komplette Breite des Feldes nutzen, ein effektives Passspiel aufziehen und dabei aber auch auf ein Laufspiel inklusive QB-Options und Read Plays bauen. Prinzipiell geht es darum, den Ball in die Hände der Top-Playmaker zu bekommen und diesen möglichst viel Raum zu verschaffen.

Spread 22 Left Wing Option Run Left

Ein typisches Beispiel ist dieser Spielzug, der der Offense mit einfachen Reads große Raumgewinne ermöglichen kann. Zunächst muss sich der Quarterback entscheiden, ob er den Ball an den Running Back gibt oder selbst läuft. Eine weitere Option ist die Übergabe an einen Receiver, der kurz darauf hinter ihm vorbei läuft. Das sind bereits drei Möglichkeiten, aus denen der Quarterback, je nachdem aus welcher Richtung der Druck der Defense kommt, wählen kann.

Die Schönheit liegt dabei in der Einfachheit des Systems. Wenige Schemes werden gebraucht um alle Anforderungen zu erfüllen: Inside und Outside Zone, Zone Read, Counter, Trap, QB-Power und Option Game, dazu ein paar Jet Sweeps – auf dem Papier keine komplizierten Spielzüge stellen Defenses vor große Probleme, da sie den Quarterback als Running-Bedrohung auf dem Zettel haben muss.

Zone Read und seine Folgen

Die Basis etwa von Chip Kellys Spread Offense in Oregon war der Inside Zone Read. Dabei gibt es prinzipiell einen Read, den der Quarterback machen muss:

Inside Dive Play Options

Nachdem der linke Slot-Receiver den Weg frei gemacht hat, kommt neben dem Left Tackle häufig ein Defensive End oder Outside Linebacker frei durch. Der Quarterback muss nach dem Snap in Sekundenbruchteilen erkennen, ob der Verteidiger Richtung Backfield vorstößt, oder die Line of Scrimmage attackiert. Passiert ersteres, gibt der QB den Ball an den Running Back. Hilft der Verteidiger aber an der Line und zieht so eher in die Mitte, behält der Quarterback den Ball.

Weil der Quarterback selbst so eine Gefahr im Running Game ist, muss die Defense das respektieren – und wird daher nicht selten kalt erwischt, wenn ein Team aus der oben abgebildeten Formation etwa einen Power-Run nach rechts ohne jeglichen Read macht.

Auch der Bubble-Screen-Pass war aus Kellys Oregon-System nicht wegzudenken und wird jedem, der sich Tapes von Mariota anschaut, ebenfalls auffallen:

Spread Bubble Screen

Das ist ein typischer Spielzug, der einem schnellen Playmaker, der den Ball möglichst häufig in die Hand bekommen soll, im Idealfall Raum und eine Chance gibt. Gleichzeitig bringt er dem Quarterback eine schnelle, sichere Completion und zwingt die Defense, auch das Passspiel und die Außen zu berücksichtigen. Zudem können Play-Action-Spielzüge und auch simple Pässe aus der Shotgun aus der gleichen Formation erfolgen.

Quick Outs

Auch kann sich der Running Back vor dem Snap als Receiver positionieren, der Quarterback kann hier über die Quick Outs meist eine hohe Prozentzahl an kurzen Pässen anbringen.

Generell ist das Passing-Spread-System mit vier oder gar fünf Receivern längst auch in der NFL nichts ungewöhnliches. Die Patriots etwa setzen immer wieder darauf. Allerdings wird es in der NFL nur vereinzelt eingestreut, es ist weder die Haupt-Waffe, noch die Basis, auf die eine Offenses aufgebaut ist.

Alles eine Frage des Raums

Einer der elementarsten Aspekte der Spread Offense ist aber, wie eingangs schon erwähnt, die Nutzung des kompletten Raums. Im Idealfall verlangt eine Spread Offense von einer Defense, einen großen Raum abzudecken. Dabei gehören aber auch simple Spielzüge aus der Spread-I-Formation ins Arsenal:

Spread I Formation

Hierbei setzt das Team auf einen Lead-Blocker, entweder ein Tight End oder ein Fullback. Hieraus kann, aus der Shotgun, ein schlichter knallharter Run-Ansatz verfolgt werden, der dann aber mit Play-Action-Spielzügen gemischt wird. Auch der Slot-Receiver sollte hier Deep-Threat-Potential haben, um so mit zu verhindern, dass die Defense regelmäßig den Safety gegen den Run in die Box stellt.

Geschwindigkeit ist ein Vorteil in der Spread Offense, doch das System, und das ist ein weiterer Grund dafür, dass es am College so viele Anhänger findet, kann auch ohne besonders schnelle oder besonders große beziehungsweise physische Spieler funktionieren. Allerdings müssen die Skill Player die an sie gestellten Forderungen, je nachdem welchen Ansatz das Team verfolgt, überdurchschnittlich gut umsetzen.

Darüber hinaus gibt sie dem Coach noch immer Freiheiten. Eine Spread Offense kann Run-First oder Pass-First oder komplett ausbalanciert sein. Die Schemes sind in aller Regel nicht kompliziert

Pro Style vs. Spread

Aber was unterscheidet jetzt überhaupt die Pro-Style-Offense von der Spread Offense? Da wäre zum einen die Position des Quarterbacks. FSU-QB und für viele Experten der kommende Nummer-1-Pick Jameis Winston stand in der Vorsaison bei 272 Snaps uncer Center. Bei Mariota waren es ganze fünf, was auch erklärt, warum er bei seinem Pro Day alle seine 65 Würfe von under Center absolvierte.

Baylor-Quarterback Bryce Petty (48 Snaps under Center in der Vorsaison) hatte bei seinem Pro Day ernsthafte Probleme mit den Snaps, wenn er nicht in der Shotgun war, leistete sich dabei sogar einen Fumble.

Darüber hinaus kommen so große Fragen auf, wie Spread-Quarterbacks etwa 3- oder 5-Step-Drops in der NFL hinbekommen und wie lange es dauert, ehe sie hier das richtige Timing entwickeln. Auch die Fußarbeit wird hier ein enorm wichtiger Faktor.

Auffällig ist außerdem, dass mit Andrew Luck und Russell Wilson die beiden aktuell besten jungen NFL-Quarterbacks beide im College eine Pro-Style-Offense gespielt haben (genau wie Teddy Bridgewater und Derek Carr) – während Colin Kaepernick und Robert Griffin III (wenn auch grade bei RG III aus vielen verschiedenen Gründen), die aus Spread Offenses kamen, zunehmend große Probleme bekamen, nachdem sich Defensive Coordinator darauf eingestellt hatten und sie häufiger aus einer „klassischen“ Offense agieren mussten.

Neben den rein mechanischen Dingen wie eben etwa den Snaps under Center ist aber vor allem eine Frage entscheidend, die Cardinals-Coach Bruce Arians bei der diesjährigen Combine offen stellte.

„Oft musst du einen Quarterback bewerten, der noch nie einen Spielzug im Huddle angesagt hat und noch nie einen Snap Count verwendet hat. An der Seitenlinie heben sie eine Tafel hoch, er bekommt den Snap und wirft dann den Ball“, erklärte Arians das Problem: „Das hat nichts mit Quarterback-Spiel oder Führungsqualität zu tun. Vielleicht haben sie das an der Seitenlinie drauf, aber wenn sie dann die Wörter im Huddle verwenden und den Snap Count verändern müssen, sind sie Lichtjahre zurück.“

Wirklich verwundern darf das nicht. College-Coaches bekommen ihr Geld nicht dafür, dass sie Spieler auf die NFL vorbereiten – sie sollen für ihre Schulen Titel gewinnen. Während der Regular Season etwa hatten die Ohio Buckeyes, die sich später die National Championship sichern sollten, keinen Snap under Center und Mariotas Zahlen wurden ja bereits erläutert.

Zudem kann die Einfachheit des Systems, das so auf die NFL nicht übertragbar ist, zum Verhängnis werden. So bleibt ein großes Fragezeichen was Mariota angeht. Keiner zweifelt daran, dass der gebürtige Hawaiianer hart arbeiten und alles für sein neues Team geben wird und was man zweifellos sagen muss: Mariota geht durch seine Reads und bringt physisch sowie mental viele gute Werkzeuge für seinen neuen Coach mit.

Die Spread Offense mit ihren einfachen Reads, kurzen, sicheren Pässen und Running-Plays für den Quarterback, die Mariota im College teilweise nahe an der Perfektion gespielt hat, wird er in der NFL nicht Eins zu Eins umsetzen können.

Viel wird daher bei ihm auch davon abhängen, ob er im richtigen Team, beim richtigen Coach und dem richtigen Offensive Coordinator landet, so dass seine Stärken genutzt werden. Gleichzeitig steht ihm, wo es auch hingeht, eine Umstellung bevor.

Adrian Franke

Werbeanzeigen

14 Gedanken zu “Marcus Mariota und die Spread Offense

  1. Schöner Blog! Ich bin echt gespannt, wie sich Mariota machen wird. Und vor allem, wo er gezogen wird. Gerade, wenn die Vorwürfe gegen Winston sich erhärten oder die Bucs doch noch Bedenken wegen der Character Concerns bekommen, ist ja gefühlt von #1 bis Runde 2 alles möglich. Vielleicht wären die Eagles wirklich ideal für ihn, da spielt er dann noch College-Style 🙂 Wobei er dann später noch größere Probleme bekommt, weil er halt irgendwann den Pro-Style draufhaben muss.

    Btw. Da hat sich ein Doppler in deinen Text eingeschlichen:
    Darüber hinaus kommen so große Fragen auf, wie Spread-Quarterbacks etwa 3- oder 5-Step-Drops in der NFL hinbekommen und wie lange es dauert, ehe sie hier das richtige Timing entwickeln.

    Gefällt 1 Person

  2. Die Jets wären ein guter Fit für Mariota, falls er bis 6 fällt, da sie eine Spread Offense spielen werden. Da würde er das System kennen und Gailey ist auch nicht der schlechteste Coordinator.

    Liken

    • Bin jetzt bei den Jets zugegebenermaßen nicht so drin – die werden eine Spread-Offense spielen? Dann wäre das wirklich hochinteressant. Mein Gefühl sagt mir aber irgendwie, dass sie Geno noch ne Chance geben und den Fokus im Draft eher auf was anderes legen, oder vielleicht auch runter traden…

      Liken

  3. Sie werden eine Spread Offense spielen. Runter traden werden sie wohl nicht machen, aber Maccagnan hat angekündigt sehr aggresiv zu sein. So war er ja auch schon in der FA.

    Liken

    • Was ich so weiß, gilt Gailey als Coach, der seinen Stil durchaus willig auch dem vorhandenen Spielermaterial anpasst. Ausschließen würde ich da also nichts.

      @knickstime
      Ja, was Maccagnan inzwischen so sagt, klingt ja tatsächlich eher nach hochtraden. Vielleicht wollen sie wirklich Mariota…

      Liken

      • Ok, danke für die Antwort! Hatte nur 2-3 Artikel über ihn bei meiner Recherche zu den Jets gelesen und da klang es oft an, dass er gerne mit mehreren WR spielen lässt, um dem Quarterback möglichst viele Anspielstationen zu bieten und so Druck zu nehmen.

        Was hältst du denn von Mariota bei den Jets? Mit einer Spread Offense würde es doch passen. Bin gespannt, was die Titans so machen, von ihnen wird abhängen, wo Mariota am Ende des Abends landen wird und wie dann die einzelnen Teams picken. Ich persönlich würde ihn gerne bei den Jets sehen, auch wenn es natürlich auch gut sein kann, dass Geno Smith mit einer Spread Offense wesentlich besser klar kommt, weil sie eher ans College angelehnt ist. Wenn die Jets aber Mariota bekommen sollte und er sich relativ schnell ans NFL Spiel gewöhnen kann, kann es für die Jets glaub ich relativ weit gehen. Die Defense steht ja schon mal ganz gut.

        Und wieder guter Artikel. Hab ganz vergessen, dir das mal zu schreiben, ist auch schon wieder zwei Wochen her, dass ich ihn gelesen habe. Fand den Vergleich zum NFL Spiel bzw. Pro-Style sehr verständlich und interessant, jetzt kann ich mir auch eher etwas unter Mariotas Probleme vorstellen. Ist der nächste Artikel schon in der Mache? 🙂

        Liken

      • Wenn die Jets wirklich eine Spread Offense spielen, wäre es wirklich spannend mit Mariota – mit Decker und Marshall hätte er ja zwei große Receiver, die ihm sicher helfen. Aber ich frage mich eher, wie ja viele Experten auch, ob Mariota in New York nicht so ein bisschen untergeht. Ist halt wirklich ein sehr introvertierter Mensch und viel weiter weg von zuhause als New York ginge ja auch kaum^^. Mein Gefühl ist aber immer noch, dass die Jets eher Geno noch eine Chance geben, jetzt erstmals mit einem vernünftigen WR-Corps.

        Danke für das Lob, freut mich! Nächster Artikel ist in der Mache (dieses Mal etwas weg vom Tagesgeschäft 😉 ), kommt hoffentlich Dienstag oder Mittwoch auf die Seite!

        Liken

  4. Ich fände den Gedanken auch sehr interessant, zumindest würde es das Ganze für Mariota leichter gestalten. Irgendwie muss ich dabei an RGIII erste Saison bei den Redskins denken und die Jets haben dazu noch eine starke Defense. Charakterlich soll er ja introvertiert sein, aber Christian und Roman sprachen beispielsweise in ihrem QB-Podcast davon, dass er innerhalb des Teams ein Leader sei. Ich bin schon echt gespannt, wie es Donnerstagnacht alles läuft, Geno in einer Spread-Offense könnte natürlich auch interessant sein.
    Dann bin ich mal gespannt, worum es geht 🙂

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Power Ranking: Der Sturz des Champions | Free Blitzer

  6. Pingback: Fünf Fragen zum Donnerstag (20.8.) | Free Blitzer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s