Die 85er Bears und die 46-Defense

Lion_Chicago_Bears_Helmet „Manche sagen, dass die 46-Defense einfach eine Acht-Mann-Front ist. Das ist genauso, wie zu sagen, dass Marilyn Monroe einfach eine Frau ist“ – Buddy Ryan, langjähriger Defensive Coordinator der Chicago Bears und Erfinder der 46-Defense.

Noch heute ist die Defense der 85er Bears ein geflügelter Ausdruck. Wann immer sich eine Defense aufschwingt, die beste der Saison oder gar die beste über einen längeren Zeitraum zu werden – das aktuelle Beispiel wären wohl die Seahawks, gibt es prompt Vergleiche mit den Bears aus dem Jahr 1985. Doch was war die berühmte 46-Defense, was machte sie aus? Warum war sie so gut? Und was bringt sie Teams vielleicht heute noch?

Immerhin brachte sie den Bears einen der dominantesten Super-Bowl-Titel aller Zeiten ein. Mit 46:10 schlugen die Bears in der 1985er Saison die New England Patriots, es waren die einzigen zehn Punkte, die Chicago in der Postseason zuließ.

Die einzelnen Zahlen lesen sich noch deutlicher: New England gelang ein ganzes Rushing-First-Down sowie insgesamt sieben (!) Rushing-Yards bei elf Versuchen – ein Schnitt von 0,6 pro Rush. Darüber hinaus mussten die Pats sieben Sacks einstecken. Damit hatte die Defense ihre Aufgabe bilderbuchmäßig erfüllt.

Vom Blitz zur Base

Ryan hatte die 46-Defense erschaffen, als er 1978 nach Chicago gekommen war. Damals übernahm er eine Defense, die furchtbar gegen den Run und nicht wirklich besser im Pass-Rush war und ihm war klar: Er braucht über sein Scheme mehr Aggressivität und vereinfacht gesagt eine extrem aggressive Version der 4-3-Defense.

Zunächst nutzte Ryan die 46 nur als Blitz Package oder für bestimmte Third-Down-Situationen, es dauerte zwei Jahre, bis Ryan es zur Base-Defense werden ließ. Das Konzept wuchs mit mehreren Pro Bowlern weiter, 1985 hatte es schließlich seinen absoluten Höhepunkt erreicht.

Das Wichtigste zunächst: Im Gegensatz zur 3-4 und der 4-3 sagt die 46 nichts über das Personal auf dem Platz aus – sechs Linebacker sind keineswegs der Baustein der Defense. Seinen Namen hat das Scheme vielmehr vom damaligen Bears-Safety Doug Plank, dessen Rückennummer die 46 war: Ein harter Hitter, der bis Brian Urlacher der einzige Rookie war, der die Bears in Tackles angeführt hatte. Ironischerweise beendete Plank seine Karriere vor dem Höhepunkt des Schemes 1985.4-6 Standard Was das Personal auf dem Platz angeht unterscheidet sich die 46 im Wesentlichen nicht von der 4-3. Vier Defensive Linemen werden ergänzt durch drei Linebacker sowie zwei Cornerbacks und zwei Safeties. Doch der Unterschied lag in der Aufstellung: Ein Defensive Tackle positionierte sich neben der O-Line, während auf der anderen Seite der Strong- und der Weak-Side-Linebacker die D-Line ergänzen.

Beide können entweder als Pass-Rusher eingesetzt werden, was in Kombination mit der D-Line nur schwer zu blocken ist, oder aber auch Tight Ends oder Running Backs im Passspiel decken. Der Mike-Linebacker steht dem Offensive Tackle gegenüber, allerdings mit zwei Yards Abstand zur Line of Scrimmage.

Doch damit nicht genug: Der Strong Safety, in den ersten Jahren war das Planks Rolle, agierte als Hybrid Safety-Linebacker und war nur leicht hinter dem Mike-LB platziert. Die Cornerbacks spielten Manndeckung und der Free Safety agierte etwa 25 bis 35 Yards hinter der Line als eine Art Libero.

Auf den ersten Blick springt eines direkt ins Auge: Es sind unglaublich viele Spieler an der Line of Scrimmage, so dass die Defense nie weiß, woher der Druck kommt. Der Acht-Mann-Pass-Rush, der maßgeblichen Anteil am noch heute bestehenden Saison-Sack-Rekord (72 Sacks 1984) hatte, war schlicht beeindruckend: 4-6 Spielzug „Du kannst kein Passing Game ohne Druck stoppen“, war Ryans auf dem Papier einfache Philosophie, die der Bears-Defense zwischenzeitlich über drei Spiele in der Regular Season dazu verhalf, mehr Punkte selbst zu erzielen, als zuzulassen. Insgesamt 54 Turnover erzwang die 85er Defense und legte nach der Rekord-Saison immerhin noch 64 Sacks auf.

34 der Turnover waren Interceptions, die oft durch den unglaublichen Druck und daraus resultierende überhastete Würfe zustande kamen. Dabei überrumpelte Ryan seine Gegner, indem er immer aus unterschiedlichen Richtungen brachte.

Der Safety-Blitz war ein wichtiger Bestandteil des Produkts, aber auch MLB Mike Singletary, der unumstrittene Leader der Defense, blitzte immer wieder als dritter Linebacker und ihm wurde durch die sogenannte TNT-Front (Tackle-Nose-Tackle) Woche für Woche der Weg zum Quarterback freigeblockt.

Singletary beendete die 85er Saison als Leading Tackler der Bears, doch da der Gegner nie genau wusste, wen er aus welcher Richtung blocken sollte, verteilten sich die Sacks auch an der D-Line: Defensive End Richard Dent führte die Liga mit 17 Sacks an, Dan Hampton verzeichnete 6,5. William Perry, der Anker der D-Line mit dem weitbekannten Spitznamen „The Refrigerator“ fügte fünf Sacks hinzu und DT-Kollege Steve McMichael gelangen acht Sacks – macht insgesamt 36,5 Sacks alleine für die Starting-D-Line.

„Es ging nur darum, permanent zu attackieren“, blickte der damalige Bears-CB Leslie Frazier zurück und das bezog sich nicht nur auf den Pass-Rush. Im Prinzip waren acht Spieler permament direkt an oder innerhalb von wenigen Yards zur gegnerischen O-Line, was jegliches Running Game häufig im Keim erstickte, ein reines Missmatch: Acht Verteidiger standen dann häufig sechs oder sieben Blocker gegenüber.

Ryan überlud einzelne Gaps, vor allem aber stellte er jedem O-Lineman einen Verteidiger direkt gegenüber. Damit konnten die O-Linemen nur schwer hinter die D-Line kommen und auch Pulls oder Traps im Running Game waren nur schwer möglich. Darüber hinaus wusste die O-Line schlicht fast nie, woher der Druck kommen würde – ein extrem großes Problem.

Die Probleme

Aber warum hielt sich die 46 nicht? So schön das Scheme auf dem Papier auch aussieht: Entscheidend waren die Spieler. Erst als Dent 1984 seinen Durchbruch hatte und OLB Wilber Marshall und Perry ein Jahr später Säulen des Teams wurden, feierte die Defense ihre beste Saison. In der Secondary waren extrem starke Press-Cornerbacks notwendig.

Beide müssen absolute Spezialisten in der Manndeckung sein, andernfalls kann ein Quarterback mit schnellem Release auch gegen Sieben- und Acht-Mann-Blitze Big Play auf Big Play folgen lassen. Eine Cover 2 im traditionellen Sinn ist aus der Basis-Formation der 46 kaum möglich, vielmehr ist Cover 1 die Basis.

Selbst zu ihren Hochzeiten ließ die 46 schon überdurchschnittlich hohe Yards-pro-Completion-Zahlen zu, wenn denn der Quarterback den Ball rechtzeitig weg bekam. Doch auch hier gab es offensichtliche Schwachstellen: Die 46 war verwundbar gegen kurze Pass-Konzepte, die West-Coast-Offenses war äußert gefährlich für Ryans Defense, da der Pass-Rush hier oft nicht schnell genug zum Quarterback kam und gleichzeitig die Linebacker über die Mitte fehlten.

Folgerichtig waren Bill Walshs 49ers das erste Team, das die 46 regelmäßig schlug. Als sich Walshs Spread Offense in der Liga weiter verbreitete, geriet die 46 zunehmend aus der Mode.

Außerdem kam auch auf den Outside Linebacker auf der einen und den Defensive End auf der anderen Seite eine schwere Aufgabe zu: Von der Statur her mussten beide eine Mischung aus 3-4-OLB und 4-3-DE darstellen und durften ihre Position Outside nicht an einen Blocker verlieren – andernfalls waren Sweep-Spielzüge eine ernsthafte Homerun-Gefahr. Gleichzeitig müssen sie aber auch Druck auf die Pocket ausüben, wenn es ein Pass ist – also innerhalb von Sekundenbruchteilen richtige Entscheidungen treffen.

Last but not least wäre da noch der Free Safety, dessen Jobbeschreibung in etwa umfasst: Starke Antizipation, schnell, gutes Lesen von Passspielzügen und ein starker Hit. Ed Reed oder Earl Thomas fallen hier als spontane Beispiele ein und zeigen gleichzeitig, von welcher Qualität die Rede ist.

Was nutzt die Defense heute noch?

Rex Ryan, Buddys Sohn, nutzte bei den Jets noch immer gelegentlich Varianten der 46, vor allem als er seine Secondary mit Darrelle Revis und Antonio Cromartie abgesichert wusste. Zwar sind ihre Zeiten als Base-Defense längst vorbei, doch für vereinzelte Situationen kann das Herzstück der großen 85er Bears noch immer gebraucht werden.

Spannenderweise bietet die 46 einige interessante Ansätze gegen ein offensives System, das in den vergangenen Jahren wieder mehr Anhänger gefunden hat: Die Spread Offense, die nur zu gerne noch mit No-Huddle-Elementen versehen wird.

Die Bump-Coverage stört das Timing der Receiver, der Strong Safety kann zudem den Tight End an der Line beschäftigen während der MLB für Crossing Routes oder den Running Back eingeteilt ist. So kann der Defensive Coordinator noch immer mit fünf Spielern den Pass-Rush betreiben und auf jedem Teil des Feldes das Timing der Offense stören.

Allerdings ist es kein System, das Spielern hilft, sondern ein System das Topspieler auf vielen Schlüsselpositionen braucht. So ist es schwer, das Scheme in die heutige NFL zu übertragen. Eher geht es um vereinzelte Elemente, und die Cardinals nutzten einige davon in der Vorsaison – wenn auch aus einem 3-4-Set.

Defensive Coordinator Todd Bowles gab seinen Cornerbacks zumeist Mann-gegen-Mann aufgaben und nutzte häufig ein 2-3-6-Lineup, wobei mindestens einer der DBs als Hybrid-Linebacker eingesetzt wurde. So wussten Offenses ebenfalls nie, woher der Druck kommt und die Cardinals stellten über weite Teile der Saison eine der besten Run-Defenses der Liga. Gleichzeitig wurden im Passspiel aber immer wieder auch die altbekannten Schwächen offenbar: Nur Chicago und Philadelphia ließen mehr Pass-Completions von mindestens 20 Yards zu als Arizona (76).

Die 85er Bears waren die vielleicht beste Blitzing-Defense aller Zeiten und verfügte mit Dent, Hampton und Singletary drei spätere Hall-of-Famer sowie diverse Pro Bowler. Darüber hinaus verfügten Ryans Spieler über hohe Spielintelligenz, was Ron Rivera (damals LB), Leslie Frazier (DB) und Singletary (LB) später Head-Coaching-Gelegenheiten in der NFL verschaffte. Sprich: Sie war auch eine der talentiertesten Defenses aller Zeiten.

„Buddy machte etwas, das sonst damals niemand gemacht hat. Die Leute verstanden zu der Zeit unser System nicht“, bringt es der damalige Bears-Head-Coach Mike Ditka auf den Punkt: „Die Leute hatten nicht genug Leute, um uns zu blocken und wussten nie, woher der Druck kommt.“

Noch bis Ende der 80er (1987 etwa verzeichnete Chicago nochmals 70 Sacks) dauerte es, ehe die Defense zunehmend aus der Mode kam und neue Ideen gegen neue Offenses nötig wurden. Anfang bis Mitte der 80er waren Scheme und Spieler eine von Buddy Ryan perfekt kombinierte Einheit und Ryan bewies anschließend auch in Philadelphia und Houston, was er aus einer Defense machen kann. Gleichzeitig wurden ihm auch die Grenzen aufgezeigt: Nach seiner Zeit in Chicago gewann Buddy Ryan kein Playoff-Spiel mehr.

Adrian Franke

Werbeanzeigen

7 Gedanken zu “Die 85er Bears und die 46-Defense

  1. Wieder mal sehr schöne Arbeit und eine gute Idee, mal in die taktische Geschichte der NFL einzutauchen. Ich musste während des Lesens immer wieder an Todd Bowles denken, darauf lief dein Text am Ende ja auch hinaus. Bei den Jets wird er wahrscheinlich wieder viele Blitzes spielen, mit Revis und Cromartie hat er dafür ja jetzt die richtigen Cornerbacks. Man stelle sich mal vor, die Jets hätten noch einen Spieler a la Earl Thomas. Ich erinnere mich nur zu gut an das erste Spiel der Hawks gegen Arizona in der letzten Saison. Die Offense kam ja aufgrund der vielen Blitzes gar nicht richtig zum Zug, da war ich schon von Arizonas Defense beeindruckt.
    Die Nachteile sind natürlich auch klar. Ich fände eine Statistik der Release-Zeiten der Quarterbacks damals und heute interessant, aber sowas wird ja glaub ich noch nicht lange erhoben. Darüber hinaus ist die Liga heute ja sehr passlastig, da müssen deine Linebacker schon ziemlich schnell sein, wenn sie auch WR decken sollen. Im Nachhinein frage ich mich, wieso ich letztes Jahr nicht direkt darauf gekommen bin, weshalb die Cards so viele Passing-Yards zugelassen haben, ist ja so gesehen total logisch 😀

    Liken

    • Ja, Bowles hat eben die gelegentlichen Big Plays in Kauf genommen wenn Cromartie oder Peterson geschlagen wurden, um im Gegenzug das gegnerische Running Game im Keim zu ersticken – und das hat oft geklappt.

      Mit den Jets hat er jetzt neben Revis/Cro auch noch Skrine als Slot-CB und außerdem die klar bessere Front als in Arizona – da bin ich echt schon sehr gespannt. Die Jets haben mit Gailey ja ihren Wunsch-OC bekommen und Bowles wird sich bis zu einem gewissen Grad auf die Defense konzentrieren können.

      Liken

      • Ich bin ja kein Jets-Fan, aber schon verdächtig, wie oft ich hier über sie schreibe 😀
        Aber wenn man sich die Zahlen nochmal vorstellt, in der Postseason nur 10 Punkte zugelassen, das ist einfach unglaublich und kann man sich heute kaum vorstellen! Was gilt denn in der NFL als das offensive Gegenstück der Bears Defense?

        Wirst du eigentlich was über die Cards schreiben und wie es dort ohne Bowles weiter geht?

        Liken

      • Zu den Cards kommt auf jeden Fall was, ich wollte aber alle aktuellen Sachen bis nach dem Draft aufschieben – wer weiß, wie die Teams danach aussehen 😉

        Beste Offense…gute Frage. Viele würden wahrscheinlich die Rams von 2000 nennen, mit Kurt Warner, Marshall Faulk, Torry Holt und Isaac Bruce. Die Vikings damals mit Randy Moss, Cris Carter und Randall Cunningham waren auch fun to watch!

        Liken

  2. Würde ich auch so machen. Bin mal gespannt, wie deine Meinung aussieht. Mit Palmer bleibt man aber denke ich mal die Nummer 2 in der Division, beim richtigen Matchup könnte es ja dann mal über die Wildcard-Round hinaus gehen, mit Palmer wäre das ja sicherlich möglich gewesen.

    Ok, gut zu wissen!

    Liken

    • Mit einem fitten Palmer denke ich, dass wir Carolina geschlagen hätten. Aber ist halt alles kein Konjunktiv in der NFL 😉

      Wir haben definitiv ein paar Baustellen, vor allem Pass-Rush, RB und womöglich auch CB (werde ich aber natürlich heute Abend auch noch mehr zu sagen 😉 ). Aber glücklicherweise sind gerade die ersten beiden sehr tiefe Positionen in diesem Draft.

      Liken

  3. Pingback: Der Safety: Rasanter Anstieg dank großer Klasse | Free Blitzer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s