Der Safety: Rasanter Anstieg dank großer Klasse

TITELBILD Safety

Innerhalb der letzten gut zehn Jahre ist keine Position in der NFL in ihrer Wertschätzung und ihrer Bedeutung für das Spiel so rasant gestiegen wie die des Safeties, vor allem des Free Safeties. Die Verantwortung für den Safety ist heute so groß wie wohl noch nie – kaum ein Team zeigt das seit Jahren so eindrucksvoll für die Seattle Seahawks. Und doch leiteten erst zwei Ausnahmespieler die endgültige Veränderung ein.

„Von der Safety-Position wird wirklich viel verlangt. Er muss den Run stoppen und in der Box spielen können, wie ein Linebacker. Und in der Tampa 2 muss er tief im Feld spielen. Und dann verlangst du oft noch, dass er einen starken Gegenspieler, etwa einen Tight End, in Manndeckung nimmt. Man fordert da schon viel, aber meistens ist ein Safety dem gewachsen“, brachte es Bucs-Head-Coach Lovie Smith während der Vorsaison auf den Punkt.

Nicht nur die stolzen Verträge von etwa Earl Thomas, Devin McCourty oder Jairus Byrd haben in den vergangenen Jahren die gesteigerte Wertschätzung gegenüber Safeties belegt. Immerhin hatten seit 2000 14 von 15 Super-Bowl-Champions einen Elite-Safety in ihren Reihen. Nur die 2007er Giants, die auf ihre starke Front Four bauten, kamen ohne mehrfachen Pro-Bowl-Safety aus:

Patriots: Devin McCourty (2015), Rodney Harrison (2004, 2003), Lawyer Milloy (2001)
Seahawks: Earl Thomas/Kam Chancellor
Ravens: Ed Reed (2012), Rod Woodson (2000)
Giants (2011): Antrel Rolle
Packers: Nick Collins
Saints: Darren Sharper
Steelers (2): Troy Polamalu
Colts: Bob Sanders
Bucs: John Lynch

Die einfache Erklärung ist in der Offense zu suchen. Regeländerungen und ein Umdenken in der Philosophie haben in einer starken Fokussierung auf das Passing Game resultiert. Ein dominanter Free Safety ist ein Schlüsselbaustein, um sich gegen neue Tight-End-Freaks und Up-Tempo Spread Offenses zu wehren. Doch dazu später mehr.

Rückblick: Troy und Ed verändern das Spiel

Auch in den 80er Jahren diktierten Offenses das Geschehen, Defenses taten sich lange schwer. Buddy Ryans 46-Defense (die ich hier bereits ausführlicher beleuchtet habe) drehte den Spieß um, indem sie auf puren Druck um jeden Preis setzte und so für einige Jahre Offenses terrorisieren konnte.

4-6 Spielzug

Mit Schemes, aber auch mit mehreren späteren Hall-of-Fame-Spielern brachten die 85er Bears eine der gefürchtetsten Defenses aller Zeiten auf den Rasen. Offenses wussten nicht, wo der Druck her kam und so erwies sich die 46 als effektiv gegen den Run und gegen den Pass. Schon hier auffällig: Der große Raum, in dem sich der Free Safety häufig alleine bewegte.

Doch den Test der Zeit bestand sie nicht. Spread Formations und schnelles Passspiel verhinderten, dass der Druck der 46 noch einen nachhaltigen Effekt auf die Offense hatte. Der nächste Schritt musste so auch in der Defensive folgen. Die Antwort: Die von Journalisten so getaufte „Tampa 2“-Defense.

Tampa 2

Die schnellen Pässe in die Flat sowie die tiefen Pässe konnten so kontrolliert werden – doch die Schwachstelle ist gleichermaßen offensichtlich. Vereinfacht gesagt: Der Middle Linebacker muss eher schnell als physisch sein und lässt sich zurückfallen, so dass die nötige Power gegen das Inside Running Game fehlte.

Es brauchte schließlich Troy Polamalu und Ed Reed, um, vielleicht etwas überspitzt formuliert, den Weg für eine neue Interpretation der Safety-Position zu ebnen. Sie ermöglichten eine neue und gewissermaßen optimierte Version der Cover 4.

Cover4

Ein System, das eigentlich gegen Checkdowns und schnelle, kurze Pässe kränkelte sowie vor allem gegen das Running Game Lücken offenbarte, wurde durch Reed und Polamalu plötzlich variabel.

Diese dynamischen Safeties konnten sich fallen lassen und so gemeinsam mit den Cornerbacks tiefe Pässe unterbinden. Gleichzeitig aber war es ihre Aufgabe, den Spielzug in Sekundenschnelle zu lesen und darauf zu reagieren. Gegen den Run halfen sie so auch als Run-Defender und es ist kein Zufall, dass man häufig den Eindruck hatte, die beiden überall auf dem Platz zu sehen.

Cover 1 gegen die Pass-Fanatiker

Doch zurück in die Gegenwart. Auch Reed und Polamalu konnten den Siegeszug des Passing Games nicht verhindern und dank neuer Regeln sowie verbesserter Quarterbacks, Tight Ends und vielfältiger Receiver ist das Passing Game und nicht mehr das Running Game das Rückgrat vieler Offenses.

Passing Yards WR Tabelle

In der Konsequenz werden 3-WR-Sets immer häufiger und parallel dazu steigt auch die Zahl der Passing Yards, in der Vorsaison waren es, ergänzend zu der Tabelle, 236,8 Yards pro Spiel. Mehr Receiver bedeuten häufig auch eine Tendenz zu Spread-Formations und setzen dadurch Defenses und vor allem Secondaries weiter unter Druck.

Neben einem stärkeren Fokus auf die Cornerbacks ist hier der Free Safety im Fokus. Wenn ein Defensive Coordinator mit Überzahl Druck erzeugen muss, geht das nummerisch meist auf Kosten der Secondary, so dass der Free Safety den Spielzug erkennen und beiden Cornerbacks helfen können muss. Darüber hinaus zwingen No-Huddle Spread Offenses Defenses dazu, immer wieder in Manndeckung zu gehen. Safeties müssen hier Man-to-Man spielen oder aber als tiefe Absicherung fungieren können.

Doch nicht nur das: Teams wählen aus 3-WR-Sets auch inzwischen fast doppelt so oft einen Laufspielzug wie noch vor lediglich fünf Jahren, als das im Schnitt nur 6,7 Mal pro Spiel der Fall war. Auch hier ist der Safety wieder unter Zugzwang: Sowohl der Free Safety, als auch der Strong Safety, normalerweise der explosivste und athletischste Spieler in der Nähe der Line of Scrimmage, haben Blitzing Assignments sowie klare Aufgaben im Running Game.

Last but not least kommen darüber hinaus die Big-Nickel-Defenses immer mehr in Mode. In der Vorsaison war das vor allem in Arizona zu bewundern, wo Todd Bowles häufig aus einem 2-3-6-Lineup heraus agierte (genauer habe ich die Cards-Defense hier unter die Lupe genommen) und mit Rashad Johnson, Deone Bucannon sowie Tyrann Mathieu drei Safeties gleichzeitig aufbot. Bucannon war dabei als Strong-Safety beziehungsweise Nickel-Linebacker primär auch mit Pass-Rush oder Run-Stopping-Aufgaben betraut, während sich Johnson und Mathieu um Slot-Receiver oder Tight Ends kümmerten – oder eben als Absicherung für die sich in Manndeckung befindenden Cornerbacks fungierten.

Die meisten Teams wollen heute Press-Man-Coverage spielen und den Route Tree der gegnerischen Offense durch aggressive Defense möglichst limitieren. Dafür benötigt man allerdings einen Center Fielder in Form eines FS, um für die nötige Absicherung zu sorgen und Big Plays zu verhindern. Die Seattle Seahawks haben Earl Thomas.

Der goldene Standard: Die Seahawks

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Seahawks schematisch in ihrer Basis-Defense vergleichsweise unkompliziert agieren. Doch ihr Cover 3 und ihr Cover 1 Robber geben den Hawks dank ihrer herausragenden Spieler und dank eines vielseitigen Blitz-Packages, die Möglichkeit, auf viele Offenses zu reagieren. Vor allem das Cover 1 Robber terrorisierte die Broncos im Vorjahres-Super-Bowl. Hier beispielhaft die Nickel-Version:

Hawks Cover 1 Robber

Der dritte Linebacker, oder wie im Nickel-Package hier der Slot-Cornerback, kümmert sich um den Tight End oder den Slot Receiver. Die beiden anderen Receiver sind in Manndeckung gegen die Cornerbacks, während sich die Linebacker um Tight Ends und Running Backs kümmern. Einer der beiden Safeties (normalerweise Thomas) lässt sich dann tief fallen, während sein kongenialer Partner und physisch hierfür prädestinierte Kam Chancellor als „Robber“ in die im Zentrum entstehende Lücke stößt.

Chancellor kann so schnelle Slant-Pässe immer wieder neutralisieren. Auch sein inzwischen berühmt-berüchtigter Hit gegen Demaryius Thomas früh im Super Bowl, der in gewisser Weise als Vorschau auf das diente, was die Broncos im weiteren Verlauf der Partie erwartete, kam so zustande.

Doch eine solche Spielweise ist konstant nur möglich, wenn die Coaches wissen, dass ihr zweiter Safety die komplette Mitte des Feldes abdeckt. Thomas ist in vielerlei Hinsicht so der Schlüssel für das, was Seattles Legion of Boom ausmacht.

Und Gegner wissen das: 2012 versuchten Seattles Gegner nur 15 tiefe Pässe über die Mitte des Feldes. 2013 waren es noch derer acht, jeweils die ligaweiten Saisonbestwerte. Und wenn sie es versuchen, klappt es für gewöhnlich nicht: 51 Yards stehen auf Thomas‘ Regular-Season-Konto der vergangenen Spielzeit was Passing-Yards in seine Coverage angeht.

Head Coach Pete Carroll erklärte bereits während er noch USC trainierte: „Der Deep Safety muss zwei Dinge tun. Er muss die Seam Route und die Post Route verteidigen. Das ist alles, was ich von ihm verlange. Er muss die Seam Route des Nummer-2-Receivers finden und wenn es zwei sind, muss er in der Mitte bleiben und beide Verteidigen.“

Heißt: Thomas‘ Aufgabe ist es, alle Pass-Spielzüge, die in die Mitte führen, zu stoppen. Laufen zwei Receiver Routes über die Mitte, bleibt er zwischen ihnen bis der Quarterback den Ball wirft.

Umdenken schwierig

Und doch bleibt es schwierig, einen guten Safety im Draft zu finden – nach Alabamas Landon Collins wurde es in diesem Jahr schon eng. Der Hintergrund ist einfach: Im College können es sich die meisten Teams schlicht nicht leisten, ihre besten, größten und schnellsten Spieler als Safety aufzustellen. Zu punkten steht noch mehr im Fokus, deshalb werden die entsprechenden Top-Recruits als Receiver aufgestellt.

Ex-Browns-GM Phil Savage hatte bei Sirius XM eine klare Ansage parat: „Ich denke, es gibt ein echtes Ungleichgewicht was die Anzahl der offensiven Skill-Player und der defensiven Skill-Player angeht. NFL-Teams müssen daher wirklich tief graben, um Top-Cornerbacks und Top-Safeties zu finden.“

Adrian Franke

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6 Gedanken zu “Der Safety: Rasanter Anstieg dank großer Klasse

  1. Jetzt will ich seit Tagen den Miami Artikel lesen und schiebe es immer wieder auf und dann kommt ein Artikel zu meinen Hawks 😀

    Schönes Ding, dass die Entwicklungen der letzten Jahre schön aufzeigt. Vor allem hast du das Ganze schön an Zahlen festgemacht. Ich hätte trotz alledem niemals gedacht, dass 14 der letzten 15 Super Bowl Sieger einen Elite Safety in ihren Reihen hatten, der Fakt unterstreicht die Wichtigkeit der Position.

    „Laufen zwei Receiver Routes über die Mitte, bleibt er zwischen ihnen bis der Quarterback den Ball wirft.“ Hier kommt Thomas‘ Schnelligkeit zur Geltung und auch seine Intelligenz, schließlich erkennt er die Spielzüge in der Regel sehr schnell. Gute (Free) Safeties sind wirklich nur schwer zu finden. Das erkennt man auch daran, dass Thomas schon an 14 gezogen wurde, wohingegen der Rest des Backfields eher in den späteren Runden gewählt wurde – Kam Chancellor ja zum Beispiel in der fünften Runde. Ich bin mal gespannt, wie sich Damarious Randall bei den Packers macht, immerhin war er glaub ich der höchstgezogene Safety. Und ich bin gespannt, wie sich das Backfield der Hawks nun macht, nachdem Dan Quinn weg ist und Maxwell, der an sich ja solide ist, das Team verlassen hat. Darüber hinaus werden ja auch Lane, von dem ich als Slot viel halte, und Simon noch ein wenig ausfallen.

    Übrigens finde ich es auch gut, dass du für Erklärungen auch andere Seiten verlinkst (Tampa 2 Erklärung auf BR).

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    • Haha 😀

      Ja, die Super-Bowl-Safety-Statistik hatte ich mal vor ner Weile schon auf ESPN aufgeschnappt und bin dem dann nachgegangen – grade bei den frühen 2000ern war mir das vorher auch nicht klar. Aber macht auch, je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, irgendwo Sinn!

      Randall soll meines Wissens nach bei den Packers als CB eingesetzt werden, könnte mich aber auch täuschen. Ich bin einfach absoluter Fan von eurem Safety-Duo – auch wenn wir da selbst mit unserem Trio nicht schlecht aufgestellt sind und glaube ich in diesem Jahr einen Schritt nach vorne noch machen werden.

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  2. Das ergibt auf jeden Fall Sinn, wenn man sich die Entwicklungen in der NFL auch mal vor Augen führt. Mal gucken, wie extrem es damit dieses Jahr weitergeht.

    Mit Randall hast du glaub ich Recht. Ich hatte gestern noch was in der Richtung im Hinterkopf, war mir aber nicht mehr sicher. Die Frage ist ja, wieso man einen Safety zum Cornerback entwickeln möchte, wenn dieser schon gute athletische Voraussetzungen hat. Habe gerade mal kurz nachgeschaut, angeblich sei er für Free Safety zu klein, Earl Thomas (nur als Beispiel) ist 5’10“, Randall 5’11“. Ich bin mal gespannt, was die Packers da vorhaben und ob aus diesem Draft ein guter Safety hervorgeht.

    Und bei euch bin ich wie bereits erwähnt auch sehr gespannt, was sich nach Todd Bowles ändert und wie sich Arizona mit Quarterback schlägt. Zum Glück geht’s erst in Woche 10 gegen euch, bis dahin kann sich unsere Offensive Line ohne Unger einspielen, bevor es Blitzes von allen Seiten hagelt und Wilson wieder um sein Leben rennen darf 😀

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  3. Moin Herr Franke,

    sie haben ja hier, im Artikel, einen Link zur Tampa2 Defens. Ich kann leider kein Englisch. Planen Sie zur Tampa2 noch einen eigenen Artikel zu schreiben ?

    Lg Meiner

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